Wut, wut, wut. Riesengroße wut. Ich könnte wände hochgehen und bäume ausreißen, und besser gehen würde es mir trotzdem nicht.
Warum gehen mir die dinge immer so nah? Warum macht es mich so agressiv wenn ich esse, und warum habe ich so eine gestörte familie? Wo sind die großen feste, die tollen cocktails und die umwerfenden typen; wo ist das leben das ich leben sollte?
Und warum ist immer dann alles so kacke, wenn es so gut sein könnte?
Ich will weinen, weinen, weinen bis ich nicht mehr kann. bis alles aus mir draußen ist und ich ganz leer bin. Vollkommen frei.
Aber alles was passiert ist diese unglaubliche wut auf mich und die welt, und jeder der mich anspricht wird angeschrien, und jede tür die mir in den weg kommt wird zugeschlagen, und der lack springt ab, und meine mama schreit dass die wände am anderen ende der wohnung wackeln, und ich kann einfach nicht mehr.
Ich hab schon so lange nicht mehr geweint, und im moment fühl ich mich einfach so unglaublich schlecht. Ich hasse mich grad sehr.

9.5.07 18:48, kommentieren

my story about the tide. for fm4, my ego, and everybody else.

Flut

 

 
Ganz banal, aber warum nicht? Weil die banalsten Dinge manchmal am schönsten sein können.

 

 
Es war Sommer, und es war heiß. Der Sand unter ihren Füßen knirschte, rann durch ihre Zehen, und sie lief, lief, lief, und der Wind in ihren Haaren und die Sonne in ihrem Gesicht, und es war Sommer.
Sie rannte immer schneller, ihr Kopf war klar, und je mehr sie rannte, desto weniger wurden ihre Gedanken. Die Gedanken an das, was gerade passiert war.
Aber alles der Reihe nach.
Anna war fünf, als ihr Leben so halbwegs begann. Davor waren bloß schwache Erinnerungen an ihre Kindheit in Rom, an einen Kindergartenfreund mit großen Augen und eine große Wohnung über den Dächern der Stadt, von dessen Terrasse aus man tausend Lichter in tausend Häusern sah wenn Abend war, und immer Lachen und Freude zu hören war. Und ihr Vater, ja, der auch.
Dann wurde sie irgendwann fünf, und ihr Vater war plötzlich weg. Ihre Mutter redete nicht mehr von ihm, und ihr Kindermädchen schaute scheu zur Seite, wenn sie fragte. Und irgendwann begann sie wohl zu vergessen, oder traute sich vielleicht nicht mehr zu fragen, wegen den traurigen Blicken ihre Mutter und dem Weinen, dass sie in den Nächten hörte.
Und dann war plötzlich Schluss. Alles was sie kannte war vorbei, und das Gefühl in den hohen Räumen der Wohnung begann sich zu verändern. Lachen wurde zu lächeln, und weinen wurde zu Tränen und Sonnenstrahlen zu Feinden. Traurigkeit breitete sich aus, und kam in jeden Winkel, in jede Falte der Haut ihrer Mutter und in jede Strähne von Annas Haaren. Und jeden Tag wurde es ein wenig stiller, und irgendwann war auch das Kindermädchen weg.
„ Wir brauchen doch nur uns, Annalein, nicht wahr? Mäuschen, ich hab dich lieb. Mehr als uns, das brauchen wir gar nicht. Das braucht keiner.“, sagte Annas Mutter, und gab ihr einen Kuss.
Und Anna lächelte und sagte ja, und glaubte es auch, für einen Moment jedenfalls.
Sie hörte auf den Freund mit den großen Augen zu sehen, den sie kannte seit sie denken konnte. Sie wollte nicht mit ihm lachen und spielen und fröhlich sein, nicht wenn ihre Mutter nebenan weinte. Sie wollte nun immer bei ihr bleiben, sie keinen Augenblick mehr aus den Augen lassen, denn sie gehörten nun zusammen, ganz fest, und sie waren das einzige, was noch übrig war. Und da sollte niemand auf die Idee kommen, ihnen das zu nehmen.
Und dann kam der Tag, an dem Annas Mutter plötzlich mit einem Foto in der Hand vor ihr stand.
„Was ist das?“, fragt Anna, und ihre Mutter sagte, das sei das Haus, in dem sie von nun an leben würden. Es war groß, riesengroß, und voller Efeu über dem hellen Sandstein, mit weißen Holzfenstern mit roten Blumenkisten davor.
Und es war im Norden, am Meer.
„ Bis zum Ende der Welt kannst du von dort aus sehen“, sagte ihre Mutter.
Und so kam es, dass die beiden umzogen, und alles hinter sich ließen, ein Leben, das schon verloren gegangen zu sein schien für ihre Mutter, und das noch gar nicht begonnen hatte für  Anna, und keiner von ihnen wusste, was nun werden würde.

 
Als Anna das erste Mal den kühlen langen Flur des neuen Hauses betrat, war sie etwa acht Jahre alt, und hatte lange blonde Zöpfe, die ihr bis zu den Hüften gingen und für die sie ihr Leben gegeben hätte, denn sie hatte die Vorstellung, dass die Spitzen ihre Haare schon dagewesen waren, als sie noch ein Baby war und sie ein fixer Bestandteil ihre Erinnerung waren, und würde sie sie jemals verlieren, würde sie einen Teil ihre Erinnerung verlieren, und das wollte sie auf gar keinen Fall. Denn Erinnerung war sehr wichtig.
Jedenfalls war sie acht, als sie in das Haus zogen, und ihre Mutter war wohl um die vierzig. Anna wurde in die Schule geschickt, und ihre Mutter begann zu malen, während sie in der Schule war, und dort auch malte. Zu Mittag zeigten sie sich gegenseitig die Bilder, die sie über den Tag hinweg gemacht hatten; Anna in den Stunden, und ihre Mutter im Atelier das auf den Strand und über das Meer blickte, und in das manchmal Möwen durch die offene Terrassentüre in den Raum hineinstapften.
Und obwohl die Bilder von Anna und ihre Mutter sich auf gewisse Art sehr ähnlich waren, waren die ihrer Mutter immer stürmisch und wild, und wenn sie Meer malte waren die Wellen tosend und die Gischt schäumte. Bei Anna war die Welt meist beige, manchmal auch rosa, mit grau-schwarzen Punkten. Und Ponys mochte sie auch sehr gerne.
Wie auch immer, das Leben begann wieder normal zu werden, und Anna war glücklich, in ihrem Haus mit den vielen Zimmern und dem Blick bis ans Ende der Welt, und dem Meer und ihrem Hund Paul.
Eines Tages traf sie einen Jungen, während sie vor dem Haus im Sand spielte und ihren Hund mit Datteln fütterte.
Er stand ein paar Schritte hinter ihr, eigentlich musste  dort schon eine ganze Weile gestanden haben, aber sie hatte ihn nicht bemerkt, erst als er mit einem dunklen Blick sagte: „Wenn du dem Hund ganz ganz viele Süßigkeiten gibst, dann kippt er irgendwann mal um, und ist mausetot.“
Annas Augen wurden groß. Sie sah ihn an, und was sie sah war ein Junge mit braunen Locken und Milliarden von Sommersprossen und einem schüchternen Lächeln. Und eine Weile sagte sie gar nichts, dann begann sie zu lachen. Und er auch, und obwohl es der denkbar merkwürdigste Einstieg in eine Freundschaft war, zu sagen, dass der Hund gleich stirbt, wurden sie Freunde, und von diesem Tag vergaß  sie ihn nie mehr so ganz.
Schließlich kam der Sommer, und Anna und der Junge, der übrigens auch Paul hieß, sahen sich oft. Er wohnte ein paar Häuser weiter, und jeden Morgen holte er sie ab, zuerst gingen sie schwimmen, und dann lagen sie oft stundenlang in einer geheimen Bucht, die Anna durch Paul den Dackel einmal entdeckt hatte, als er ihr davongelaufen war; und redeten und redeten. Manchmal redeten sie auch gar nichts, dann lagen sie einfach nur so da, und dachten an die Menschen, die dort, am anderen Ende, vielleicht auch lagen und das gleiche taten wie sie beide.
Mit der Zeit wurden sie älter, die Jahre kamen und gingen, und mit ihnen die Gespräche und die Gelächter, die Scherze und das Weinen, das traurig sein und die Fröhlichkeit,  und sie wuchsen immer mehr zusammen, bis sie beinahe das Gefühl hatten, sie wären ein Mensch.
Und dann kam der Tag, an dem Paul der Dackel verschwand.
Es war im Herbst als Anna elf war, und Paul der Dackel, in Hundejahren, vierundzwanzig. Am Abend war Anna mit ihm und Paul dem Freund spazieren gegangen. Sie waren den Strand entlang gelaufen, barfuß, und der Sand war von der Sonne des Tages noch ganz warm. Paul erzählte von dem Segelboot, das er einmal kaufen wollte, wenn er genug Geld hatte, und Anna sagte, sie würde sich dann tausend Seidenkleider und Badeanzüge aus Plissé kaufen, und mit ihm davonsegeln, irgendwohin, wo sie ganz alleine wären. Und dann sagten sie eine ganze Weile gar nichts. Inzwischen war es dunkel geworden, und sie beschlossen wieder nach Hause zu gehen.
Anna rief nach Paul dem Dackel. Einmal, zweimal. Dann rief Paul nach Paul. Laut und leise und fragend und schließlich wütend. So rannten die beiden herum, und schrieen und brüllten, doch Paul der Dackel gab kein Bellen von sich und keine Pfote tapste zu ihnen; nichts rührte sich. Nur die Wellen schlugen rauschend gegen die Brandung, und ein paar Mäuse krochen durchs Gestrüpp.
Am Himmel die Sterne, alles war stockfinster und Anna und Paul standen inmitten von Sand und Meer, und vergaßen die Zeit und alles um sich herum.
Die Rufe wurden leise, und Anna begann zu weinen. Paul legte den Arm um sie und streichelte durch ihre Haare. Und Anna begann zu schluchzen, bis Paul ganz verzweifelt wurde, weil er rein gar nichts tun konnte, und sonst brachte er sie immer zum lächeln. Und nun, wo es wirklich wichtig gewesen wäre, war einfach nichts.
Zwei Kinder, allein am Meer. Und der Hund war verschwunden.
Anna war müde. Sie schluchzte noch immer ein wenig, und lehnte den Kopf an Pauls Schulter und er wusste, sie wollte heim. Und so gingen sie die ganze Nacht lang, halb schlafend, weinend, und traurig am Meer entlang. Anna an Paul und Paul an Anna, und nur der Hund war weg.
Als sie zum alten Sandsteinhaus kamen, ging gerade die Sonne auf, und Annas Mutter saß wartend auf den Stufen vor ihrem Atelier.
Sie sagte nichts, aber in diesem Moment sah Anna plötzlich ganz klar.
Nichts war jemals deutlicher, und nichts war irgendwann wichtiger, als das.
Sie war Annas Mutter, und sie war Anna, und sie gehörten zusammen. Nur sie beide. Und nicht der Freund mit den großen Augen, und nicht Paul mit den braunen Haaren, und nicht Paul mit dem Dackelblick. Sie alle würden kommen und gehen, aber Annas Mutter würde bleiben.
Weil ihr wohl nichts anderes blieb als Anna.
Alles kann man nehmen, und manchmal geht es so plötzlich. Wie eine Sturzflut spült es ein ganzes Leben weg; sei es ein Hundeleben oder ein Menschenleben oder ein Leben, das noch gar nicht begonnen hat.
Und jetzt sah sie sie an. Mit einem Blick, der so unendlich traurig war. Mit Falten um die Augen, in denen die Freude von Traurigkeit begraben ganz tief unten lag. Mit ihrem Lächeln, das alles sagen konnte, von Unglück bis Freude, über Erleichterung bis zu Erstaunen. Weil sie nur dieses eine Lächeln hatte.
Und Anna drehte sich zu Paul um, und gab ihm einen Kuss, und dann war er weg.
An jenem Tag begann Anna zu laufen.
Sie, lief, lief, und der Wind in ihren Haaren und die Sonne in ihrem Gesicht, den Sand zwischen ihren Zehen, das Salz auf ihrer Haut, den Wind in ihren Haaren, und sie suchte sich selbst.
Wo sie war zwischen Paul und Mama, zwischen ihrem Vater und dem Hund, und ob wohl alles verschwand. Und ob es wohl jemals ein Ende haben würde, die Suche nach dem Platz in der Welt und ob die Welt wohl überhaupt ein Ende hatte, oder ob das auch bloß Lüge war. Erfunden und Illusion.
Und so lief Anna mit den langen blonden Zöpfen. Stunde, Tage, Wochen.
Und dann stand plötzlich Paul vor ihr, Paul der Mensch, Paul der Freund, Paul mit den braunen Locken, und anstatt zu fragen, was sie gemacht hatte, sagte er einfach nur „ich hab dich lieb, Anna.“
Und vielleicht ist das auch das einzige, was zählt.

10.5.07 23:47, kommentieren